Sunderland vs Newcastle
Februar 2001, der nächste Auftrag lautete: Sunderland Nexus-Line. Die beiden Grossstädte Sunderland und Newcastle sollen mit der in Newcastle ansässigen Metroline verbunden werden. Hier gibt es eine natürlich gewachsene Besonderheit. Nämlich die Menschen der beiden Städte, welche entzweit durch die bekannten Fussball-Mannschaften (FC Sunderland und Newcastle United) nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen sind. Dieses Projekt bedeutete für mich, alleine, mit den ungewohnten Arbeitsverhältnissen, den ungewohnten Lebensverhältnissen und der englischen Sprache für eine längere Zeit klar zu kommen. Geplant waren 4 Monate. Es wird ja geplant, damit jeder merkt was nicht geplant ist…..Aus den 4 geplanten Monaten wurden also 10 ungeplante Monate…. Die nächste Besonderheit bestand in dem Projekt selbst. Es ist ein deutsches Fahrleitungsdesign, mit deutschen Bauteilen und Material. Keiner der englischen Ingenieure kannte sich mit dieser Bauweise aus. Für mich also die “Feuertaufe”. Die Hauptanforderung des Betreibers bestand in einer erhöhten Sicherheit vor Berührung unter elektrischer Spannung stehender Teile, sowohl für die Betreiber als auch der Passagiere. Das Ergebnis dieser Anforderung ist ein System mit doppelter Isolation.
Die Wirkungsweise der doppelten Isolation möchte ich an einem, NICHT ZUR NACHAHMUNG EMPFOLEN, praktischen Beispiel demonstrieren:
So sind sie, die Engländer, immer gut drauf und für ein Späßchen zu haben. Die Beweggründe dieser Wahnsinnsaktion sind mir leider nicht bekannt. Ich vermute mal er hat die Bezeichnung “Life-Line-Tester” wörtlich genommen, denn die Anlage stand unter 1500 Volt Gleichspannung und der reguläre Fahrbetrieb lief auf Hochtouren. Bis dahin jedenfalls, denn nun gab es eine 4-Stündige Fahrpause. So lange dauerte es, bis sich der verirrte Kollege einfangen ließ! Die misslungene Flucht war eine akrobatische Meisterleistung!
Doch bevor dieser Akrobat überhaut seinen großen Auftritt haben konnte, waren unmengen von Arbeiten und Leistungen zu bewältigen. Als Überblick stelle ich Euch folgende Grobgliederung vor: komplett neue Gleisanlage ab der Monkwearmouth Bridge bis nach South Hylton, der Neubau von Haltepunkten, Trafo- und Gleichrichterstationen, Gründungs- und Maststellarbeiten, sowie der Komplettbau des Fahrleitungssystems.
So sah die Bahnstrecke mit den ersten gestellten Fahrleitungs-Masten und installierten Auslegern aus. Noch ist nicht zu sehen, wie am Ende das System einmal aussehen wird. Pelaw Juntion musste mit einer Verbindung der sich kreuzenden Bahnstrecken versehen werden, um eine Gleisverbindung von Newcastle nach Sunderland zu schaffen. Es war nicht nur eine Anbindung der Gleise, sondern auch der Fahrleitung an das existierende Metro-System. Solche Arbeiten werden meist zu den besten Zeiten ausgeführt…nachts und am Wochenende. Sehr hinderlich sind die geringen Durchfahrthöhen der Brücken. Dank der hohen Flexibilität des deutschen Fahrleitungsdesigns ließen sich diese “Problemchen” recht gut meistern.
Das war mein Arbeitsplatz. Eine Sache die ich (nicht) besonders mag sind diese Groß-Raum-Büros. Für den regen Erfahrungsaustausch ist es eine gute Lösung. Ein ungestörtes und konzentriertes Arbeiten war für mich nur schwer möglich. Ist sicherlich ansichtssache. Doch Montags fand ich die Unterhaltungen sehr interessant…es erfolgte die Auswertung des Wochenendes…typisch Geordie…sehr ungeniert.
In diesem Video seht Ihr einen Teil der Strecke Pelaw to East Boldon. Auf Youtube sind noch viel mehr zu finden.

Es ist ein tolles und saagenhaftes Gefühl zu sehen, wie gut und genau wir gebaut haben.
